Hausboot
Die Geschichte erschien als Kürzestkrimi Krimi des Monats September beim SYNDIKAT.
Sie erscheint in absehbarer Zeit in der geplanten Sammlung von Kurzgeschichten und kurzen Geschichten.
Das Hausboot
Träge schaukelte das Hausboot mit dem abblätternden blauweißen Anstrich auf dem Mississippi.
Drüben, am anderen Ufer, kaum erkennbar in dem nahtlosen Übergang des gelbgrauen Gewässers in den Horizont, stieg eine Gestalt in den Fluss.
Die langen, schwarzen Haare wehten im Mittsommerwind. Mutig, die Kleine, sagte der Mann mit dem nackten Oberkörper, aber der im Schatten der Kajüte dösende Hund antwortete nicht. Der Schwitzende legte das Fernglas auf den wackligen Tisch, spie den scharfen Tabaksud über die Reling in die düngerverseuchte Brühe und griff wieder zur Angel. Wenn Gewitter nahen, beißen sie, wenn überhaupt, das wusste er. Seit Wochen hatte es nur gegrillten Fisch gegeben, wenn er mal einen fing. Ansonsten Burgerkotze vom Supermarktrestaurant.
Noch reichte die Kohle vom letzten Deal. Aber nicht mehr lange. Das hatte die Erfahrung der letzten fünf Jahre gelehrt.
Zum Glück gab es auf hundert Meilen weder nördlich noch südlich Brücken über den gigantischen Fluss. Konkurrenz – na ja, wie man’s nahm. Man hielt vorsichtshalber Abstand voneinander.
Seit einem halben Jahr hatten sie sich nicht mehr gemeldet. Die, für die er Menschenfracht und anderes transportierte. Latinos meist. Kokain vermutlich. Illegal. Beides. Es kümmerte ihn nicht, was und wen er an Bord nahm, wenn sie nur einen Tag vor Fahrtantritt bar zahlten baT – bar auf Tatze, wie man es in den Kreisen nannte, in die er nach und nach geschlittert war. Der Fährmann brachte alles auf verschiedene Banken. Niemand würde ihn jemals wieder aufs Kreuz legen. Zudem – die fünfschüssige Smith & Wesson .500 – ungemein beruhigend, sie an der Hüfte zu fühlen. Zur Winchester 471 war es auch nicht weit.
Etwas Gutes hatte sein früheres Leben als Society-Banker also doch gehabt. Mit dem Gedanken tröstete er sich oft: Kontakte. Welche auch immer. Zu wem auch immer. Er hatte es zu wahrer Meisterschaft gebracht: Vermeiden, genauer hinzuschauen.
Der Campingstuhl ächzte unter dem Gewicht des Mannes mit dem verwitterten Gesicht. Er steckte die Angel in die Halterung und griff erneut nach dem Fernglas. Der pinkfarbene Badeanzug ließ Ampeln im Hinterkopf aufleuchten. „Aha!“ murmelte er. Schätzungsweise 2000 Fuß entfernt, halb versteckt in den tief hängenden Flußweiden – schimmerte da nicht der silberne Rumpf einer 60-Fuß-Yacht? „Hej! Ich will verdammt sein, wenn das nicht der Scheisskahn dieses Scheisswinkeladvokaten ist, mit dem sie damals durchgegangen ist“, fluchte er. Der Rüde spitzte die Ohren für einen kurzen Moment und japste. „Mitsamt der Aktien und der Kohle auf dem Konto auf den Cayman Inseln. Was sucht so eine hier? Will die Ex-Finanzfahnderin mich verarschen? Macht sie die Biege?“
Hier wagen sich sonst nur bis an die Zähne bewaffnete Navy-Seals oder Selbstmörder in die kühle Brühe. Scher’ dich zum Teufel, verfluchtes Miststück!“ presste er durch die Zahnlücke. Gelangweilt gähnte der Köter.
Die Schwimmerin war mit kurzen, eleganten Stößen in der Flussmitte angelangt.
Hinter dem Bootseigner, wenige Meter flussaufwärts, platschte es. Kreisel im Wasser. Stille. Schweiß stieb hoch, als er mit der Rechten auf seinen feisten Nacken klatschte. „Eine weniger“, nölte der Mann auf dem Campingstuhl. „Die Biester sind heuer groß wie Hubschrauber und stachen wie verrückt“. Der Pitbullmischling blieb unbeeindruckt.
Der Skipper griff nach der halb leeren Whiskyflasche, nahm einen tiefen Schluck und warf die Angel wieder aus.
Der Hund war aufgesprungen und starrte gebannt auf das Gewässer.
„Ob sie die Alligatoren nicht bemerkt hat?“ murmelte der Bootsmann und zog die Mundwinkel nach oben.
Veröffentlicht in der Anthologie ‘Die Welt – ein Narrenhaus. Und wir – mittendrin’, Rösrath / Overath 2008
Gelesen im Kulturbahnhof Overath am 24.10.2008
