Hoch auf dem gelben Wagen

Der riesige Kerl füllt die Tür der Postkutsche und verdeckt die aufgehende Sonne. Unter seinem Gewicht ächzt die Treppe, und der Wagen neigt sich gefährlich zur Seite. Sein Gesicht kann ich im Gegenlicht nicht erkennen. Der Sheriff hält ihm mutig einen silberläufigen achtunddreißiger Colt in die Rippen. Ich bin todmüde, aber ich fühle mich sicher. Sheriffs zählen zu den Guten, Starken, Unbestechlichen, reiten auf prächtigen Gäulen.

Weshalb der hier mit der Postkutsche reist, fragen sich alle Mitreisenden. Der Mann mit dem Stern hat nicht darauf geantwortet. Etwas wie Geheimauftrag hat er gemurmelt. Die beiden Halfter des Delinquenten sind leer. Mitten in der Prärie hat die Postkutsche scharf gebremst. Deshalb! Er habe Ringo Kid geschnappt. Kid! Dazu gehört Mut, ja Tollkühnheit. Jeder kennt ihn von den Steckbriefen in der Station und überall an den Telefonmasten.Wenn es heute um sein Gesicht ginge, wäre das überall im Internet. Sie könnten nicht auf Facebook oder http://www.casino.com/de/ gehen, ohne ihm zu begegnen.

Auf 30 schätze ich den, viel älter als ich. Kid! Bei einem 6 ½–Fuß-Riesen wirkt der Name lächerlich. Noch dazu, wenn man weiß, dass dieser hier ein verachtenswerter Pferdedieb und feiger Mörder ist. Gerade aus dem altersschwachen Gefängnis von Bluff entflohen, flüstert der kleine Mann in dem schwarzen Anzug neben mir, und die altbackene Fliege an seinem Hals bebt. Der örtliche Banker. Unser Bankier. Alle vertrauen ihm ihr Geld an. Gütig sei er mit den Zinsen, vor allem für die kleinen Leute, sagen sie.

Man habe Kid den Gaul, den er Bill Clanton gestohlen hat, unter dem Hintern weg­geschossen, brüstet sich der Sheriff und kettet die sonnenbraune Riesenpranke des Kerls mit Handschellen an den Fensterrahmen. Ohne Revolver sei das keine Heldentat, wispert mein kleiner Nachbar. Kid sei nämlich ohne Waffen aus dem altersschwachen Knast abgehauen. Ich spüre, wie das Blut aus meinem Magen zurück in die Glieder wandert. Keiner von Clantons Horde! Der große Kid schleicht unbewaffnet auf dem Zahnfleisch durch die Prärie und läuft diesem Sheriff genau in die Arme. Der behauptet, er hätte ihn genau hier erwartet. Die lange Kanone im Halfter des Gesetzeshüters schlägt schmerzhaft gegen mein linkes Knie, als er sich durch den schmalen Gang zwängt. Je länger die Kanone eines Mannes, umso kürzer sein Johannes, pflegte May zu lästern. Mädchen wie May müssen es wissen.

Auf der Holzbank fläzt sich der Gefangene und streckt die Beine quer in den Gang. Als wäre er hier der Boss. Kaut Tabak und speit süßlich-scharf riechenden Sud auf den Boden. Sein dreckiges Halstuch hängt schräg auf der Brust. Als wäre es mit acht Passagieren nicht ohnehin stickig eng gewesen. Gott sei Dank nimmt der kleine Junge nicht viel Platz ein. Man quetscht sich zusammen, so gut es auf dieser elendigen Fahrt geht.

Der Killer stinkt bis hier hin. Wie alle Cowboys im Saloon. Nach Schweiß und Staub, Kuhmist und Tabak. Nach ein paar Whiskeys pesten sie einen obendrein mit Alkoholwolken voll. Dieser Schreckliche nicht. Scheint lange nichts geschluckt zu haben. Sein herablassendes Grinsen verzieht den schiefen Mund mit den gelben Zähnen noch stärker. Ein breites Maul unter einer kräftigen Nase. Un­gepflegte Bartstoppeln. Stahlblaue Augen wie ein Peitschenhieb, der ein braves Mädchen erschauern lässt. Le­derbreeches klatschen gegen die Beine der Nachbarn, aber das stört den Ungehobelten nicht. Sporen trägt er immer noch an den staubigen Stiefeln. Weiß der Unhold nicht, dass man in Gegenwart einer Dame, eigentlich sind sogar drei in der Kutsche, keine Sporen trägt? Immerhin legt er den breitkrempigen Speckhut ab. Was? Weil ich ein paar Monate in Mays Saloon getanzt habe, soll ich keine Dame sein? Im Saloon habe ich den übrigens nie gesehen. Er muss von anderswo her gekommen sein. Kein halbwegs richtiger Mann ist je um Mays ‚Blue Oyster Saloon’ herum gekommen. Dreist starrt er auf meinen Busen. Wie all die gewöhnlichen Kuhtreiber. Und grinst noch frecher, als er an meinen Beinen – jawohl, man nannte mich Venus und ich hatte die schönsten im ganzen Saloon – Maß zu nehmen scheint. Schnell schlage ich den langen Rock wieder herunter, der ganz unbeabsichtigt hoch gerutscht ist und meine französischen Stiefelettenpumps mit den wadenlangen Riemchen bloß legt. Schließlich bin ich eigentlich Lehrerin. Mein Jim und ich – Jim war Pfarrer – wollten in dieser gott­verlassenen Gegend eine Kirche und eine Schule bauen. Mit der Kirche, das war schnell vorbei. Die Clantons gaben ihm kein Land. Denen gehört hier so gut wie alles. Woher sie’s haben? Der alten Witwe des Storebesitzers haben sie das letzte Fitzelchen einfach weg genommen. Sie hatte Geld geliehen, musste den Laden an die Clantons abgeben und ist vor Kummer gestorben. Mein Jim war auf sie angewiesen. Sie hatte ihm ein Eckchen neben dem Laden an der Elmstreet für die Kirche und die Schule verpachtet. Als er die Clantons anzuklagen begann und zu allem Überfluss noch eine Zeitung gründete, legten sie Jim einfach um. Bei Nacht. Zwei Schüsse in den Rücken.

Das war’s dann auch für meine Schule. Kinder und Eltern haben Rotz und Wasser ge­heult, aber es half nichts. Ich musste für mich selbst sorgen. Man muss schließlich überleben. In einer brutalen Männerwelt für ein Mädchen ohne Geld unmöglich. Ich wäre elendig umgekommen. Fast. Die rote May nahm mich unter ihre Fittiche und gab mir den Job als Tänzerin. Animieren gehörte dazu. Wie ich’s gelernt habe? Hunger ist ein guter Koch. Vom ersten Tag an hab’ ich mir ge­schworen abzuhauen und nach Santa Fé zu gehen, sobald ich genug gespart habe. Dort braucht man Lehrerinnen, habe ich gehört. Da kennt mich hoffentlich niemand.

Ho ho! Die Postkutsche nach Santa Fé hat wieder Fahrt aufgenommen. Nur den Sattel habe der große Kid auf dem Buckel mit sich geschleppt. Einen Clanton–Sattel, der auf einem Gaul mit Clanton- Brandzeichen lag. Die würden ihm eine klotzige Belohnung zahlen, wenn er ihnen den berüchtigten Mörder von Ike bringe, brüstet sich der Sheriff und zwinkert mir zu. Der kann mich mal. Von den Clantons und ihren Vasallen habe ich die Nase voll. Die Herrscher über die Gegend. Wer sich ihnen in den Weg stellt, ist ein to­ter Mann. Auch im Saloon benahmen sie sich wie die Herren. Niemand konnte sich gegen sie wehren. Sie nahmen sich, was und wen sie wollten. Und mit denen soll sich der schrankbreite Kerl angelegt haben? Weil er seinen Vater rächen wolle, den alten Rancher, dem die Clantons die Ranch am Fremont Creek weg nehmen wollten? Weil er die Wasserrechte besaß? Den gedungene Revolverhelden angeblich aus dem Hinterhalt erschossen haben, während seine Söhne im Krieg waren? Nur ein Narr kann auf so ‘ne Idee kommen, sich allein mit den Bluthunden und ihren Revolverhelden anzulegen. Pferdediebe hängt man im Westen sowieso noch schneller als lästige Farmer oder Killer. Von Kid erzählen sie, er verfüge über die schnellste Hand weit und breit. Egal, ob mit Kanone oder Gewehr.

He! Plötzlich macht die Kutsche einen Riesensatz nach vorn. Ich werde gegen die Rückbank gepresst. Hektisches Gebrüll. Die wilde Fahrt über Stock und Stein schleudert mich gegen den kleinen Glatzkopf in dem unpassenden schwarzen Anzug und der Fliege am Hals. Krampfhafter noch als zuvor umklammert der die Ledertasche auf seinem Schoß, die er keine Sekunde aus der Hand gibt. Etwas rauscht heran. Ich schreie auf, als ein Blutschwall auf meine weiße Bluse spritzt. Im Hals des Eierkopfes neben mir steckt ein Pfeil! Ein Röcheln noch. Dann hören seine Augen endlich auf, nervös zu flackern. Alle sind wie erstarrt. Indianerüberfall! Wi – wi – wi – wi. Der Kriegsruf der Komanchen! „Auf den Boden! Alle! Schnell, ihr Idioten!“ schreit der ungehobelte Häftling, und das volle, dunkelblonde Haar fällt in seine Stirn. Der nächste Pfeil bohrt sich genau da in die Holzwand, wo gerade noch mein Kopf war. Alle Passagiere haben sich schreiend zu Boden geworfen. Das heißt: Nicht alle. Der geile Sheriff liegt genau auf meinen Schenkeln. Ich trete fest mit dem Knie zu und treffe zielgenau seine männlichste Stelle. Dank sei May. Die hat uns den Trick beigebracht. So manch besoffenen Wüstling habe ich mir damit von der Wäsche gehalten. Der Kerl, den sie Kid nennen, packt den feisten Sternträger beim Kragen, zieht ihn hoch, brüllt ihn an, er solle sofort die Handschelle aufschließen. Oder wolle er etwa alleine gegen die Indianer kämpfen? Die galoppieren mit schrillem Geheul ne­ben der Kutsche her und versuchen, sie zu entern. Oben auf dem Kutschbock feuern der Kutscher und sein Gehilfe wie verrückt aus ihren Gewehren. Der Sheriff hat keine andere Wahl, zumal ich sehe, dass Kid ihm einen Revolver aus dem Halfter gestohlen hat. Ruhig peilt er über Kimme und Korn und erledigt den ersten Kopfschmuckträger, der seinen Kopf zu nahe ans Fenster hält. „Macht die Läden dicht, ihr Dummköpfe“, brüllt der Gangster und klappt die Fenster auf der linken Seite zu. Einer der Passagiere hat sich aufgerappelt – der Sheriff drückt sich in eine Ecke und hält eine Hand vor den Unterleib – und knallt die anderen Läden bis auf die Schießscharte zu. Kid stemmt sich gleich über mir gegen die Dachluke. Er stößt sie auf, packt sich das Gewehr des Sheriffs – eine wunderschöne Winchester 471, da kenne ich mich aus – und schwingt sich neben den Fahrer auf den Kutschbock. Den Begleiter haben sie vermutlich vom Bock geschossen.

Die blasse Mutter mit dem kleinen Sohn klammert sich an den jungen Mann, während seine Braut sich an dem eleganten Pokerspieler mit dem Menjou-Schnurrbart festhält. Ich kenne ihn aus dem Saloon. Er erkennt mich nicht. Spieler haben keine Augen für Tänzerinnen. Mit einer kleinen Doppellaufpistole feuert er, dann muss er nachladen. Kein gutes Mittel gegen Komanchen, aber ich sehe durch die Scharte, wie ein buntbemaltes rotbraunes Gesicht zur Seite kippt. Wenn sie uns überwältigen, massakrieren sie uns. Frauen vergewaltigen sie zuvor im Rudel oder verschleppen sie als Sexsklavinnen in ihr Pueblo, wird in den Städten angstvoll geflüstert. Niemand sei je zurück gekommen. Woher wissen sie das? Ich werde die kleine, doppelläufige Damenderringer aus meinem Strumpfband ziehen, wenn ich sie als letztes Argument brauche, beschließe ich todesmutig. Einen werde ich erledigen, die zweite Kugel wird mich vor dem Martyrium bewahren. Warum verkriecht sich der Sheriff? Undenkbar, dass er mit den Rothäuten unter einer Decke ..? Oder? Die Clantons? Denen ist alles zuzutrauen.

Das helle Bellen des 471–er Repetiergewehrs lässt nach und nach das Kriegsgeschrei verstummen. Endlich, es erscheint wie eine Ewigkeit, hält das Fahrzeug. Die Gäu­le dampfen. Knie und Hände gehorchen mir nicht.

Die Poststation in Mexican Hat! Der Sheriff rappelt sich auf, spuckt im hohen Bogen aus, packt die Handschellen, springt aus der Kutsche und nähert sich vorsichtig seinem Gefangenen. Der lacht ihm frech ins Gesicht und spielt an der Winchester herum, die er lässig über die Schulter geschoben hat. In Santa Fé werde er sich einem Gericht stellen, dort, wo Clantons Arm nicht hin reiche, um Richter, Sheriffs und Marshalls zu bestechen. Wenn der Sheriff  Gewehr und Revolver wieder haben wolle, müsse er sich die holen. Das klingt wenig verheißungsvoll. Ich hebe die Ledertasche auf, die den Händen des Kleinen mit dem Pfeil im Hals entglitten ist. Öffne sie. Geldscheine quellen heraus und fallen zu Boden! Dollarnoten bis zum Rand!

Meinen langen, adventfarbenen Rüschenrock raffe ich, aber die Stöckelstiefel verfangen sich in den Lücken zwischen den Bohlen. Gleich stürze ich kopfüber, breche mir das Genick oder mache mich zumindest zum Gespött! Plötzlich spüre ich eine Felsenhand um meine Wespentaille. Die Hand hebt mich leichthin von der Kutschtreppe. Kid! Der Desperado! Muskeln hart wie ein Peitschengriff. Ich bin solch’ stahlblauen Augen noch nie so nahe gewesen. So was lässt Mädchen wie mich erbeben. Will er den Kavalier herauskehren? Da machen die meisten Kerle seiner Sorte eine armselige Figur.

Bankier Moneysmith habe die Lohngelder für die Bergleute in Bluff geklaut und sei verduftet, erzählt man, während wir uns in der Herberge endlich erfrischen können.

Kids breiter Mund lacht unter den strahlend blauen Augen, als er eine Kanne Kaffe genau vor mich auf den gescheuerten Holztisch krachen lässt. Aus der abgewetzten Lederweste zieht er eine Zigarre, reibt ein Streichholz an den Breeches, zündet die Tabakstange an, während er mich aus den Augenwinkeln unverwandt mustert. Er riecht nach Kern­seife, das Halstuch glänzt nicht mehr speckig, und er scheint sich rasiert zu haben.

Wenn seine tiefblauen Augen nur ehrlich wären …. ?